Laudatio von Präsidentin von der Leyen bei der Verleihung des Wolfgang-Schüssel-Preises 2025

„Es gilt das gesprochene Wort“

 

Liebe Anne-Sophie Mutter,

meine Damen und Herren,

„das Herz vom Herzen Europas“ – so nannte Hugo von Hofmannsthal das Salzburger Land in seinem Gründungsmanifest für die Salzburger Festspiele. Das war kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, der Europa so tief zerrissen hatte. Hofmannsthal glaubte an den geistigen und kulturellen Zusammenhalt Europas. An ein Europa, das durch die verbindende Kraft von Musik, Theater und Kunst wieder zusammenwachsen würde. Das war Hoffmannsthals Antrieb, die Festspiele ins Leben zu rufen, zusammen mit Max Reinhardt und Richard Strauss. In der Stadt Mozarts, die die Sprache der Musik so fließend spricht, und die das kulturelle Erbe Europas bis heute pflegt und immer wieder erneuert. Das ist auch die Stadt, in der Du, Anne-Sophie, mit 13 Jahren musikalisch debütiert hast. Was könnte ein besserer Ort sein, um Dich, liebe Anne-Sophie zu ehren, zu feiern und Dir zu danken? Anne-Sophie Mutter – eine der außergewöhnlichsten und einflussreichsten Musikerinnen Europas. Seit fast fünf Jahrzehnten strahlst du als kulturelle Botschafterin Europas in der Welt. Du hast Generationen von herausragenden musikalischen Talenten gefördert. Du verkörperst in einmaliger Weise die geistige und kulturelle Kraft unserer Heimat Europa.

Liebe Anne-Sophie Mutter,

meine Damen und Herren,

ich möchte mit Ihnen einen Blick auf das werfen, was uns an Anne-Sophie Mutter so fasziniert und was wir von ihr lernen können. Und ich möchte das entlang von drei Begriffen tun, die ich besonders mit ihr verbinde und die auch eine Bedeutung für Europa haben. Es sind die Begriffe Gemeinsamkeit, Verantwortung und Schmetterlinge. Ja, Schmetterlinge. Aber dazu etwas später.

Als erstes die Gemeinsamkeit: Es ist viel beschrieben worden, was für eine außergewöhnliche Begabung Anne-Sophie Mutter schon als kleines Mädchen zeigte. Dass Herbert von Karajan, einer der am meisten gefeierten Dirigenten des 20. Jahrhunderts, sie spielen hörte und ihr Mentor wurde. Dass er von ihrer Fähigkeit beeindruckt war, die großen Werke mit einer Autorität zu gestalten, die weit über ihr Alter hinausging. All die weiteren herausragenden Stationen ihres unglaublichen Weges, die vielen Preise und Auszeichnungen muss ich nicht aufzählen. Aber zu dem, was Anne-Sophie Mutter so auszeichnet, gehört vor allem der Geist der Gemeinsamkeit: Sie empfindet sich als Teil der Gesellschaft, eine Solistin als Teamplayerin, und die Musik ist ihre Sprache. Wenn Anne-Sophie Mutter von ihren Konzerten erzählt, beschreibt sie, wie sie mit einem Ohr bei ihrem Instrument und dem Orchester ist und mit dem anderen dem Publikum zuhört. Sprechen und Zuhören gleichzeitig. Musik als Gespräch. Oder, wie sie es selbst einmal nannte: „eine Umarmung an die Menschheit“. Musik kann Brücken bauen, wo Gräben sind. Natürlich macht Musik uns nicht automatisch zu besseren Menschen. Aber wer hasst, der hört nicht zu. Und wer zuhört, der hasst nicht. Musik kann die Menschheit umarmen, wenn sie von Künstlerinnen und Künstlern zum Leben erweckt wird, immer wieder aufs Neue.

Meine Damen und Herren,

von Gemeinsamkeit handelt auch unser Europa. Zu oft haben Kriege unseren Kontinent zerrissen. Der Krieg in der Ukraine ist heute die klaffende, blutende Wunde Europas. Auch innerhalb unserer demokratischen Gesellschaften spüren wir Risse. Wir bekommen Gemeinschaft und Miteinander nicht geschenkt. Wir müssen dafür arbeiten. Dafür, dass die Menschen in Europa spüren, dass ihre Traditionen und Eigenheiten Teil eines Gemeinsamen sind. Dass sie – mit all ihren Unterschieden in 27 Mitgliedsstaaten – unsere europäische Identität formen. Das ist unsere Stärke. Und wir sind auf einem guten Weg. Wussten Sie, dass drei Viertel der Menschen in Europa sich als Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union fühlen? Vor 15 Jahren waren es nur 62 %. Das nährt meine Zuversicht, dass wir als Europäerinnen und Europäer immer weiter zusammenwachsen. Mit all unseren Unterschieden und Eigenheiten – aber eben auch in einer Gemeinschaft. Und dafür brauchen wir die Kraft der Musik. Wie es der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in seinem Essay über die geistige Einheit Europas schrieb: „Musik ist die eine und einzige Sprache, die gleich zu allen Seelen spricht.“ Und Du, liebe Anne-Sophie Mutter, sprichst diese Sprache in einer einzigartigen Exzellenz.

Der zweite Begriff ist Verantwortung. Bei Anne-Sophie Mutter weiß man gar nicht, wo man da anfangen soll: Mit Benefizkonzerten sammelt sie für Kinder oder Kriegsopfer; in Corona-Zeiten setzte sie sich für Künstlerinnen und Künstler ein; sie diente als Präsidentin der Deutschen Krebshilfe; mit ihrer Stiftung fördert sie junge Spitzen-Musikerinnen und Musiker. Ihre Stiftung vergibt Stipendien, begleitet junge Karrieren, inspiriert und ermutigt sie. Anne-Sophie Mutter reicht es nicht, intensive Momente auf der Bühne zu schaffen und mit dem Publikum zu teilen. Sie will etwas weitergeben. Im Heute und fürs Morgen. Auf die Frage, was sie inspiriere, sagte sie: „Wir müssen die Welt verändern. Und wir müssen zusammenarbeiten. Das ist meine Inspiration. Wenn ich eines Tages von dieser Erde gehe, möchte ich wissen, dass ich Leben berührt habe und vielleicht für ein paar Menschen die Situation verbessern konnte.“ Sehr geehrte Damen und Herren, am Ende ist es das, wonach wir alle streben: Zusammenarbeiten, um das Leben besser zu machen. Und Musik, Theater, Kunst – all das macht unser Leben besser. Kultur verbindet Menschen und schenkt Freude, Glück. Durch sie entsteht Neues. Kultur ist kein Luxus. Wir brauchen sie – als Gesellschaft, als Einzelne. In einer Zeit, in der Demokratien so sehr unter Druck stehen und autoritäre Mächte so sehr erstarken, müssen wir uns bewusst machen: Deshalb ist Kulturförderung in ihrer ganzen Bandbreite so wichtig. Ohne künstlerische Freiheit ist unser Europa nicht denkbar. Weil Europa aus dem Streben nach Freiheit entstanden ist und heute Europa die Hüterin der Freiheit ist.

Sehr geehrte Damen und Herren,

nun zum dritten Begriff: Schmetterling. Diese bezaubernden Tiere, so leicht, so zart, so schön, sind wohl das poetischste Bild für Metamorphosen – für Wandlungen, für Neuanfänge. Aber seien wir ehrlich: Wandlungen und Neuanfänge sind oft schwer. Oft liegen Abschied und Trauer vor einem Neuanfang. Als junge Frau arbeitete Anne-Sophie Mutter am zweiten Violinkonzert von Krzysztof Penderecki, das der Komponist für sie geschrieben hatte. Es trug den Titel „Metamorphosen“. In diesen Monaten kämpfte Anne-Sophie Mutters Ehemann, Detlef Wunderlich, mit dem Krebs. Die Arbeit an „Metamorphosen“ war damals – in den Worten von Anne-Sophie Mutter – „ihre Lebensrettung“. Sie gab ihr Trost und Hoffnung.

Die Kraft zum Neuanfang – Anne-Sophie Mutter musste sie nach dem Tod ihres Mannes aufbringen und brachte sie auf. Selten habe ich einen Menschen kennengelernt, der so viel Energie, so viel Leidenschaft, ja, so viel Herzenskraft ausstrahlt. Und musikalisch sucht Anne-Sophie Mutter unentwegt Neuanfänge – auch nach fast 50 Jahren auf der Bühne. Sie ist voller Neugierde auf Neues, immer wach und bereit, Unbekanntes zu wagen: Viele große zeitgenössische Komponisten haben für sie geschrieben – etwa John Williams, der Schöpfer der Filmmusik von „Star Wars“„ E.T.“ und „Harry Potter“. Oder die iranische Komponistin Aftab Darvishi, die mit ihrer Musik an die Opfer der iranischen Freiheitsbewegung von 2022 erinnert. Musik ist für Anne-Sophie Mutter kein unveränderliches Erbe. Sie ist immer im Entstehen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

beim Schmetterling ist die Metamorphose ein genetisches Programm. Wir Menschen müssen unsere Metamorphosen selbst gestalten. Globale Machtverschiebungen, technologische Revolutionen, der Klimawandel – sie fordern uns wie lange nicht. Aber Europa hat immer wieder die Kraft aufgebracht, den Wandel anzunehmen, ihn zu gestalten und voranzugehen. Auch heute gilt das. Und wir werden daran wachsen.

Es gibt ein Lied von dem dänischen Musiker Kim Larsen, das Eltern gern bei Schulabschlussfeiern singen. Es ist ein Lied über das Erwachsenwerden. Darin heißt es, die Kinder stieben auseinander wie verspielte Schmetterlinge am allersten Sommertag.“ Das Lied endet mit: „Oh, die schönen jungen Menschen. Mögen sie lange leben.“ Dem Leben heute und dem Leben der Generation nach uns hast Du, liebe Anne-Sophie so viel gegeben. Unsere gemeinsame Heimat Europa, hast Du durch deine Musik und dein Wirken um so vieles reicher gemacht.

Ich danke Dir. Herzlichen Glückwunsch zum Wolfgang-Schüssel-Preis. Lange lebe Europa.