Rede von Präsidentin von der Leyen anlässlich der Verleihung der Niedersächsischen Landesmedaille

„Rede in der vorbereiteten Form“

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident – lieber Herr Lies, herzlichen Dank für diese wunderbaren Worte.

Liebe Familie, liebe Freunde und Wegbegleiter,

sehr geehrte Damen und Herren,

diese Auszeichnung ist für mich eine große Ehre. Sie berührt mich und bedeutet mir viel. Und das sicherlich auch, weil ich bei der Vorbereitung auf den heutigen Tag noch mal an meinen Vater denken musste. Er hat vor mehr als 26 Jahren diese Medaille erhalten. Und ich begleitete ihn damals ins Landesmuseum. Ich stand da, innerlich voller Stolz, äußerlich sichtbar hochschwanger. Und zwei Tage später kam unser jüngstes Kind zur Welt. Damals hätte ich mir nie träumen lassen, dass eines Tages ich hier stehen würde. Vielleicht ist es auch wegen der Erinnerung an diesen Drei-Generationen-Moment, dass ich die Auszeichnung als so besonders empfinde. Und ich bin wirklich dankbar, dass viele meiner Familie heute dabei sind.

Für mich ist es ein Tag, an dem ich Niedersachsen im Namen von allen die Ehre erweisen möchte. Ich habe an vielen Orten gelebt und gearbeitet. Ich bin in Brüssel geboren, war in London als Studentin, in Stanford als trailing spouse, in Berlin als Ministerin und nun bin ich wieder in Brüssel. Aber Niedersachsen ist der Platz, an den ich immer zurückkomme. Meine Heimat. Ich verbinde unzählige Erinnerungen mit unserem besonderen Bundesland. Schule und Studium, in Lehrte, in Göttingen und hier in Hannover. Meine ersten Jahre als junge Ärztin, hier an der MHH. Meine ersten Schritte in die Politik. Im Ortsrat Ilten, im Stadtrat Sehnde und in der Region Hannover. Es sind vor allem Erinnerungen an viele wunderbare Menschen, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen. Die mir mit Kritik und Ermutigung neue Wege gezeigt haben, und die mich bis heute treu begleiten. Und auch jetzt, ob ich aus Brüssel oder aus Australien komme, es ist die Weite des Blickes – über Wiesen und Felder. Es sind die Moore. Die faszinierende Schönheit des Wattenmeers, der Harz mit seinen dichten Wäldern, das verwunschene Wendland. Die Rübenäcker, die mit ihren fruchtbaren Böden so viel Energie spenden. Mit Niedersachsen ist es vielleicht wie mit einer langen, guten Ehe: Je besser man es kennt, desto tiefer geht die Liebe. Ich denke, viele hier wissen, was ich meine: Es ist ein besonderes Niedersachsen-Gefühl. Und ich möchte gern an drei Symbolen festmachen, was das für mich bedeutet.

Das erste Symbol ist nur wenige hundert Meter von hier entfernt: unsere Stadthalle mit dem weißen Saal, in dem das erste Landesparlament tagte. Ein Symbol für Neubeginn. Denn Niedersachsen musste sich als Bundesland überhaupt erst erfinden – und zusammenfinden. Es wurde 1946 aus ganz unterschiedlichen Regionen gebildet, mit unterschiedlichen Geschichten und Traditionen. Und in manchen Regionen lebten so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg 30 Prozent Flüchtlinge. Was für eine Herausforderung das wohl damals war – inmitten der Trümmer nach Diktatur und Krieg. Aber Niedersachsen, die Menschen hier meisterten sie, mit ihrer Unermüdlichkeit, ihrem Einsatz. Sie fanden zueinander, das Bundesland wuchs zusammen – zu dem Niedersachsen, das wir heute kennen. Und die Geschichte des Zusammenwachsens lebt in jeder Stadt, jedem Dorf, jeder Familie fort. Viele kennen sicher die Schiffsglocke, die beim Grab meines Vaters hängt und die an die „boat people“ aus Vietnam erinnert. Auch sie ist Teil dieser Geschichte. Niedersachsen ist Veränderungen immer wieder erfolgreich begegnet und hat sich neu erfunden: Aus dem Agrarland wurde auch ein erfolgreiches Industrieland mit DAX-Konzernen und einem starken Mittelstand. Ein Windenergieland. Ein starker Wissenschaftsstandort. Und damit hat Niedersachsen mir etwas mitgegeben, das mich seitdem leitet: Zusammengehörigkeit wurzelt nicht allein in Altem, sondern wächst, wenn wir uns Neuem stellen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

das zweite Symbol ist auf der Medaille, die mir gerade überreicht wurde. Auf ihr ist unser Wappentier, unser Niedersachsenross, zu sehen. Wie die meisten wissen, dass ich eine gewisse Affinität zu Pferden habe. Unsere Hannoveraner und Oldenburger sind weltberühmt. Pferde strahlen eine unglaubliche Ruhe und Ausdauer aus. Und ich finde, das ist sehr gutes Symbol für diese unruhigen Zeiten, in denen wir leben: Gerade wenn uns der Wind scharf ins Gesicht bläst, wenn die Unsicherheit so groß ist, brauchen wir Standfestigkeit und Ausdauer. Wie oft wurde mir in den letzten 6 Jahren gesagt, dass Europa dieses oder jenes nicht könne. Von der Bewältigung der Pandemie bis zur Unabhängigkeit von russischen Energielieferungen. Von der Unterstützung der Ukraine bis zu Grönland. Von unserer Wettbewerbsfähigkeit bis zum Freihandel mit Gleichgesinnten. Wir können es. Das gilt gerade in diesen Tagen, in denen wir – wieder einmal – erleben, wie schnell geopolitische Schocks Europa treffen. Und das nicht abstrakt, sondern sehr konkret. An den Tankstellen auf dem Weg zur Arbeit, in den Supermarktregalen beim täglichen Einkauf, auf Flughäfen. Und wenn wir diese globalen Krisen in unserem Alltag erleben, dann wird Europas Antwort Zusammenhalt sein – nicht Zersplitterung. Unsere Union hat schon einmal eine Energiekrise gemeistert – durch Einigkeit und Entschlossenheit. Europas Energiesicherheit ist eine gemeinsame Priorität und Verantwortung. Kein Mitgliedstaat allein kann sich schützen. Doch als Union gemeinsam können wir das. Und wir werden dabei unsere Stärken nutzen, die uns durch alle Krisen führen: Standfestigkeit, Ausdauer und Willen – dafür stehen das Niedersachsenpferd und diese Medaille.

Und Niedersachsen ist guter Ort zum Aufbruch. Ein Sprungbrett für so viele – von Werner von Siemens über Hannah Arendt bis Per Mertesacker. Und das bringt mich zu meinem dritten Symbol: Sterne. Eine, die von hier aufbrach, war Caroline Herschel - hier aus der hannoverschen Altstadt. Sie wurde im 18. Jahrhundert am britischen Königshof die erste bezahlte Astronomin überhaupt. Sie folgte ihrem Wissensdurst und ihrem Entdeckergeist. Mit ihrem Bruder zusammen erforschte sie das immense Himmelsreich. Sie entdeckte Kometen und gab ihr astronomisches Wissen an die Nachwelt weiter. Caroline Herschel war eine Pionierin – als Frau wie als Astronomin. Ihr Vater zeigte ihr den Himmel. Und sie griff nach den Sternen.

Was mich daran heute besonders inspiriert, ist Folgendes: Wir erleben eine Zeit, in der viele die Zukunft fürchten. In der das Vertrauen, dass die eigenen Kinder es besser haben werden, ins Wanken geraten ist. Ich denke, dass das nicht nur den Einzelnen schwächt, sondern auch Demokratien. Wir müssen uns ein Morgen vorstellen können, das besser ist als das Heute. Und dafür arbeiten. So fordernd die Krisen sind, so sehr die Hoffnung strapaziert wird. Ich möchte mich immer von dem Streben leiten lassen, dass wir unseren Kindern und Enkelkindern etwas Besseres hinterlassen. Für mich heißt das, ein unabhängiges Europa, das Frieden, Freiheit und Wohlstand schützt. Eine Union, die im globalen Gefüge für ihre Werte und Interessen aufsteht. Eine Union, in der dauerhafter Friede herrscht. 450 Millionen Menschen, die 24 verschiedene Sprachen sprechen in 27 Ländern. Wo Menschen sich frei bewegen können, studieren, arbeiten, über Grenzen hinweg, die es nicht mehr gibt. Wo man sich etwas aufbauen kann, das einem bleibt. Wo der Rechtsstaat regiert und nicht die Willkür. Ein Europa, das uns Heimat gibt – reich an Natur, reich an Vielfalt. Das gilt es weiterzugeben, so rau der Gegenwind auch sei.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Liebe Weggefährten,

Liebe Familie,

das besagte Kind, das damals kurz nach der Ehrung meines Vaters auf die Welt kam, ist inzwischen erwachsen – und sitzt hier. Und einige meiner Kinder haben inzwischen selbst Kinder. Dieser Blick auf die Linie der Generationen verbindet sich für mich mit einem Gefühl von Demut und Verpflichtung: Was wir tun, tun wir nicht für uns. Wir tun es für die, die auf uns folgen. Am Ende ist es das, was mich antreibt – dass wir das Gut, was wir geerbt haben, weitergeben. Dass wir das, was besser werden muss, besser machen. Damit die, die nach uns kommen, ihre Zukunft selbst gestalten können. Die Verbundenheit mit Niedersachsen erinnert mich immer wieder daran. Niedersachsen erdet und gibt Flügel. Es ist ein guter Ort, zum Zurückkommen. Es ist aber auch ein wunderbarer Ort, den wir – wenn wir aufbrechen – im Herzen tragen können, gleich wo in der Welt wir sind. Ich danke all jenen, die mich auf meinem Weg begleitet haben.

Ich danke Niedersachsen. Und lang lebe Europa.